hat die Ausstellung ‚Die Zukunft ist das neue Ding‘ zusammen mit Sebastian Gerstengarbe organisiert und kuratiert. 
Anlässlich der Ausstellung ‚Die Zukunft ist das neue Ding‘ baten wir, Nora Mona Bach und Sebastian Gerstengarbe, die teilnehmenden Künstler*innen um Partizipation an den Inhalten dieser Internetseite, anstelle eines gedruckten Kataloges: Um die drögen Vitabeiträge und Ausstellungslisten, die wir alle auf unseren Seiten haben nicht nochmal herzuzeigen, haben wir uns einen Fragebogen überlegt, den jede*r so ernst oder verspielt und so vollständig, wie sie*er wollte, ausgefüllt hat.





Was ist das neue Ding?
DONG

ultracontemporary

(Promotion, Kind, Aschersleben, Wolf&Moon, Pouring, Euthyrox, Pressschwammlandschaft für Yoko Ono, Zogg und die Retter der Lüfte)

Adresse deiner Website?
www.nora-mona-bach.com 

Wer beeindruckt dich?
Starke und schwache, große und kleine, laute und leise, dumme und schlaue, kalte und warme Dings.
Der Fakt, dass sich meine Tochter mein Dinosaurierbuch von 1991 angucken kann, ohne vor der Seite mit dem blutverschmierten Allosaurus und seinem ‚aufgehapsten‘ Opfer zu erschauern. 

Allgemein:
Durchhaltevermögen und Großmut
emotionale Intelligenz
Sprachtalente / Mathematikhelden / Musiker / Programmierer / Handwerker / Geringverdiener
Menschen, die in der Fremde leben (müssen)

Jeden, der weniger sesselpupsig ist als ich.

Künstler*innen mit Kind(ern). Alleinerziehende überhaupt. Leute, die an irrwitzigen (km + Höhenmeter) Mountainbikerennen teilnehmen (siehe Durchhaltevermögen).
Goldbeeren.
Grünebergs.


Kannst du von deiner Kunst leben?
Popsänger klatscht in die Hände, tänzelt auf die Bühne. Stirnrunzeln. Nur eine einzige Frau im Zuschauerraum. Geistesgegenwärtig säuselt er: „Heute singe ich nur für dich, Baby!“ – „Dann aber flott, ich muss hier noch saubermachen!“
alternativ:
Treffen sich zwei Zapfsäulen. Fragt die eine: „Na, wie läuft ́s?“ – Sagt die andere: „Normal, und wie läuft ́s bei dir?“ – „Super!“

Welche Art Kunst wäre dir peinlich?
Reggae und Acryl-Spachtel-Malerei. Und wahrscheinlich Cloudrap.
Aber ich versuch das jetzt auch einfach mal.
Kann ja nur besser werden.

Sammelst du Kunst?
Gern. Habe gestern in tiefster Nacht eine Keramikarbeit von Hermann Grüneberg avisiert.
Franca Bartholomäi und Bianca Strauch baumeln im Kinderzimmer, COUNT von Tobias Gellscheid frohlockt über dem Bett, kleine Mezzotinto-Schätze von Sophie Kurzer und Majla Zeneli streiten mit Robert Deutsch, Sebastian Herzau, Rawad Atfeh und der Lady Bulkeley Phillips. Hannes Uhlenhaut mischt auch mit. Linda Grüneberg. Oliver Bekiersz. Schellbach. Harwardt. Einiges mehr in den Schubläden.

Eher launig. Noch keine gescheite Sammlungsabsicht. (Tausch, Zufall und Emotion.)


Was sammelst Du sonst?
Dings. (Starke und schwache, große und kleine, laute und leise, dumme und schlaue, kalte und warme Dings.)
Schmuck. Polly Pocket. Bücher. Zettel. Material. Zuversicht.

Ab November kommt die Hälfte weg. (Ich schwör’!)

Wie sieht es ein Deinem Atelier aus?
Kohlestaubig. Ein grauer Film liegt über den Dingen. Weißes Ledersofa (Putzerinnerung). Bullerjahn. Holzscheite gestapelt. Große Rollen aus Papier stehen oder liegen in Ecken oder im Weg und tun so, als wären sie Säulen. Oder Müll. Papier an den Wänden baumelt an Papierklemmen und harrt der Verrichtung.

Was siehst Du vom Atelier aus?
Menschlein sitzen in ihren Küchen und essen dies oder jenes gemeinschaftlich, baumeln dabei mit nackten Füßen. Lachen und wedeln dabei niedlich mit ihren Löffelchen.

Weiter oben ein bisschen Himmel.


Atelier frühmorgens, tagsüber oder nachts?
8.30 -15.30 Uhr. Ab ca. 20 Uhr Büro.

Beeindruckender Moment im Atelier?
Ich habe e(twa)s verstanden.

Schlimmster Moment im Atelier?
Doch nicht.

Was, wenn nicht Künstlerin?
Kriminalinspektorin

Wer ist Thomas Rug?
U.a. ein Jagdhundfreund. (Völlig zu Recht.)

DAS Bildungserlebnis während des Studiums?
In bester Erinnerung ist mir die Beckett-Vorlesung von Frau Dr. Franziska Uhlig geblieben und weitreichende Folgen hatte für mich das glückliche Aufeinandertreffen mit Michael Freitag, während der Betrachtung von originalgraphischen Arbeiten der Sammlung der Moritzburg. 

Entmutigendes Erlebnis während des Studiums?
Vordiplom. Abschluss Hauptstudium. Diplom.

Welche Kunstform, wenn nicht deine?
Prosa, Lyrik, Schmuck, Bildhauerei (favorisiert: Holz und Keramik), Reggae und Acryl-Spachtel-Malerei.

Eine Legende von unter dem Kirschbaum?
Der beschädigte Aschenbecher von Albrecht van der Borgh – nackte Frau ohne Kopf (abgebrochen) + Zigarettenablageflächen – stand jahrelang dabei und hat alles beobachtet. Den sollten wir fragen!

Vorzüglicher Moment in den Werkstätten?
Jede Zusammenarbeit mit Axel Möbest und Stephan Rosentreter ist menschlich, wie fachlich eine wahnsinnige Bereicherung für Leben und Werk. (Tausend Dank!)

Politik und Kunst?
Schlingensief fehlt. 

Religion und Kunst?
Erhebliche systematische Überschneidungen.

Rausch und Kunst?
Vielleicht mit Spachtel… ?

Provinz oder Metropole?
Provinz

Analog oder digital?
digital

Gegenstand? 
Pinzette.

Theaterstück? 
Das Spiel ist aus. (J.P.Sarte)
Helges Leben. + Schau, da geht die Sonne unter (Sibylle Berg)


Getränk? 
Wasser.

Roman? 
Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (Sibylle Berg)

Jahreszeit?   
Winter.

Buch? 
Die Taube (Süßkind)
Grenzen des Sichtbaren (Lüdeking)
Jonas oder der Künstler bei der Arbeit (Camus)
Dinge und Undinge – Phänomenologische Skizzen (Flusser)
Formate bestimmen die Inhalte (Kraus)
Für Hund und Katz ist auch noch Platz (Scheffler)


Lied? 
Lascia ch’io pianga (HändelSEUFZER) / T.V.O.D. (TheNormalNERV) / mystic lady (t.rexABWASCHBEGLEITSONG) / She’s Like Heroin to Me (TheGunClubFÜRJEDEGELEGENHEIT) / whatnot? (TheIVPackAUCH) usw.usf.

Website? 
https://synonyme.woxikon.de

Serie? 
Meine dringende Empfehlung zum Thema Serie ist ein Feature von Markus Metz und Georg Seeßlen das am 13.08.2017 im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde: ‚Erzählen im Wandel Die Welt als Serie – die Serie als Welt‘
https://www.deutschlandfunk.de/erzaehlen-im-wandel-die-welt-als-serie-die-serie-als-welt.1184.de.html?dram:article_id=402123

Spiel? 
Slanderman im dunklen Schleifwegatelier.

Kleidungsstück?
Kleid 

Wort?
QUASI

Beste Ausstellung in letzter Zeit?
DIE ZUKUNFT IST DAS NEUE DING (hier ein Zwinkersmiley)

Sehnsuchtslandschaft?
Erzgebirge (Sternmühlental oder Freiberger Mulde je inkl. Buschwindröschen)

Was kann die Zeichnung nicht?
Nach der Verschiebung des Dispositiv der Zeichnung in der Postmoderne könnte sie alles können. Sie besitzt eine Art Gelenkfunktion für Kunst, Geistes- und Naturwissenschaft, Psychologie, Industrie, Werbung… alles gebraucht und brauch Zeichnung. Sie ist allgegenwärtig. Trotzdem wird sie übersehen.
Kann sich schlecht vermarkten.
Die Zeichnung, könnte man behaupten, hat also ein Wahrnehmungsproblem. Wer macht der Zeichnung mal eine ordentliche Homepage? CI? Wer sitzt als Gesellschafter, Vorstandsvorsitzender, Betriebsrat und Geschäftsführer am Hebel? Elevator Pitch?
Insta?

Die Zeichnung liest diese Zeilen mit. Schüttelt den Kopf und murmelt: ‚Blablabla Trottel!‘. Lächelt. Geht ab.

Was kann sie?
Der jüngst in der Blombos-Höhle in Südafrika gefundenen Zeuge: ein ca. 73.000 Jahre alter Artefakt, den Studienautor Christopher Henshilwood als Zeichnung ausweist: Der Stein mit dem Ocker-Hashtag ist für Ihn Beweis dafür, „dass Zeichnen zum Verhaltensrepertoire“ der homo sapiens gehört. 

‚Here we report a cross-hatched pattern drawn with an ochre crayon on a ground silcrete flake recovered from approximately 73,000-year-old Middle Stone Age levels at Blombos Cave, South Africa. Our microscopic and chemical analyses of the pattern confirm that red ochre pigment was intentionally applied to the flake with an ochre crayon. The object comes from a level associated with stone tools of the Still Bay techno-complex that has previously yielded shell beads, cross-hatched engravings on ochre pieces and a variety of innovative technologies’ 

Aus: An abstract drawing from the 73,000-year-old levels at Blombos Cave, South Africa, Christopher S. Henshilwood, Francesco d’Errico, Karen L. van Niekerk, Laure Dayet, Alain Queffelec & Luca Pollarolo Naturevolume 562, S. 115–118 (2018)

Die Frage, die Archäologie und historische Soziologie nun umtreibt, führt in ein kleines Dilemma: Ist es auch Kunst? (Duchamp kichert am Himmelstor.)

Während für Forscher der Frühzeit die Untersuchung auf die kognitive Entwicklungen und modernen Verhaltensweisen der frühen Menschen hin interessant ist, gibt sie für die gedanklich abzulaufende Kurve einen interessanten Impuls:
Was ist künstlerische Zeichnung, was nicht? Welchen Gesetzten gehorcht die graphische Kunst? In welchen Grenzen kann sie Ihre Eigengesetzlichkeit entfalten? Lässt sich das Wesen der Zeichnung erfassen.


Duchamp und die Zeichnung kichern zusammen und murmeln: ‚Trottel!‘ aber so zeitversetzt, dass es klingt, als wollten sie ein Echo imitieren. Duchamp und die Zeichnung: ‚Wir wollen ein Echo imitieren. Ok.’

Auch die Kritzeleien in den unzählbaren unansehnlichen öffentlichen Toiletten der Welt zeigen: Jeder Mensch ist Zeichner. (Nur wenige sind gute Zeichner.)
Zeichnung als erste unmittelbar Übersprungshandlung von der Idee zu Umsetzung. Der Zugang zum Material ist niederschwellig und erlaubt eine vereinfachte Äußerung, die komplexe Zusammenhänge auf eine simple Zeichenspur reduzieren. Das schnelle Objekt, vielleicht bereits im Entstehungsmoment verworfen, in Sekundenschnelle schon mit einem Bein im Müll.
Vielleicht ist es diese ‚Volksnähe‘ die es der Zeichnung in ihrer kunsthistorischen Rezeption so schwer gemacht hat. Denn es ist nicht leicht zu sagen, was Kritzelei ist, was Verworfenes, was Gedankensprung und gesetzte Aussage. Sie kann sein: Plan, Muster, Aufzeichnung, Studie, Kopie, Entwurf, Skizze, Design, Illustration, Untersuchung.
Wenn die Postmoderne also aber alle Schleusen einer restriktiven Kunstbetrachtung öffnet, leistet die Zeichnung mit ihren Überschneidungen und Öffnungen hin zu unzähligen Lehnsherren hervorragende Dienste. Gerade in ihrer Vielschichtigkeit ist die Zeichnung als Medium künstlerischer Äußerung und als Spiegel gesellschaftlicher Tendenzen so interessant.

Zeichnung: ‚Ich spanne mich jetzt mal als Faden durch die Kunststiftung.‘